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Schulentwicklung

Datengestützte Schulentwicklung: Wer, wenn nicht die Schulleitungen?

Norman Graf
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Illustration einer Schulleitung, die datenbasierte Schulentwicklung gemeinsam mit einem Team gestaltet

Datengestützte Schulentwicklung: Wer, wenn nicht die Schulleitungen?

Warum datengestützte Schulentwicklung weniger eine Frage von Tools ist und viel mehr eine Frage von Strategie, Struktur und Mut zum ersten Schritt.

85 Prozent der Schulleitungen wollen ihre Schule datenbasiert weiterentwickeln. 5 Prozent tun es konsequent. Diese Lücke ist eine der spannendsten Beobachtungen der aktuellen Wübben-Befragung „Schule im Brennpunkt 2025”. Sie ist auch der Grund, warum ich diesen Beitrag schreibe.

Eine ehrliche Diagnose

Wer mit Schulleitungen über das Thema spricht, hört oft die gleiche Mischung aus Interesse und Erschöpfung. Datengestützte Schulentwicklung klingt sinnvoll, manchmal sogar verlockend, aber im Alltag kollidiert sie mit Personalmangel, Vertretungsplänen und gefühlten zwanzig anderen Prioritäten. Die Frage ist also nicht, ob Schulleitungen das Thema wichtig finden. Die Frage ist, woran es scheitert, wenn sich aus dem Wollen kein Tun entwickelt.

Aus der Forschung der letzten Jahre kristallisieren sich drei Antworten heraus. Erstens fehlt vielen Schulen eine geteilte Sprache für Daten, sodass Auswertungen Sache einzelner Engagierter bleiben. Zweitens werden Daten oft mit Kontrolle assoziiert und nicht mit Lernen oder pädagogischer Freiheit, was im Kollegium Abwehrreflexe auslöst. Drittens gibt es selten feste Strukturen, in denen Datenarbeit überhaupt stattfinden darf. Konferenzen sind voll, Fachschaften sind voll, pädagogische Tage sind verplant und eine Routine neben allen anderen Aufgaben aufzubauen scheitert schnell aus Zeitgründen.

Datengestützt heißt nicht datengetrieben. Daten sind Entscheidungshilfen, keine Entscheidungsersatzinstanzen. Die pädagogische Interpretation und die professionelle Arbeit der Lehrkräfte bleiben zentral.

Wer trägt die Verantwortung?

Ministerien setzen Rahmen, gestalten aber keine schulische Praxis. Landesinstitute liefern Dashboards, aber keine Datenkultur. Lehrkräfte können datenbasiert arbeiten, brauchen aber institutionellen Rückhalt. Externe Programme wie Startchancen oder LiGa schieben an, aber sie können den Prozess in der Schule nicht ersetzen.

Wer übernimmt also die Verantwortung dafür, dass aus VERA-Rückmeldungen, Lernstandserhebungen und Schülerfeedback gelebte Schulentwicklung wird?

Meine These ist, die Schulleitungen. Und ihre Verantwortung ist dreifach.

Ermöglichung

Den Rahmen schaffen, in dem Datenarbeit stattfinden darf. Das heißt feste Zeitfenster im Schuljahreskalender, klare Regeln für den Umgang mit Daten und ein kleines, freiwillig zusammengesetztes Datenteam, das nicht nebenbei läuft, sondern echte Konferenzzeit hat. Schildkamp und andere zeigen seit Jahren, dass dieser strukturelle Schritt der wichtigste überhaupt ist.

Steuerung

Datenarbeit systematisch in der Schulentwicklung verankern. Das heißt einen Zyklus etablieren, in dem Fragen formuliert, Daten interpretiert, Maßnahmen umgesetzt und Ergebnisse evaluiert werden. Genau dieser letzte Schritt fehlt heute fast überall. Nur ein Drittel der Schulen prüft, ob ihre Maßnahmen tatsächlich gewirkt haben. Ohne diesen Schritt wird aus dem Zyklus eine Einbahnstraße.

Umgang mit Daten

Das Menschenbild hinter der Datennutzung prägen. Daten dürfen kein Kontrollinstrument sein und auch kein heimliches Ranking unter Lehrkräften. Sie sind Werkzeug der gemeinsamen Verantwortung für die Lernenden. Diese Haltung spiegelt sich nicht in Leitbildern, sondern darin, wie Schulleitungen selbst mit Daten umgehen, ob sie eigene Entscheidungen mit Daten begründen und ob sie unbequeme Ergebnisse nicht wegdrücken.

Drei Niveaustufen, ein gemeinsamer Weg

Datengestützte Schulentwicklung gelingt selten als großer Wurf. Sie entsteht aus vielen aufeinander abgestimmten Schritten. Es hilft sehr, ehrlich zu klären, an welchem Punkt eine Schule überhaupt steht. Aus meiner Beratungserfahrung und der einschlägigen Literatur lassen sich drei Stufen unterscheiden.

Stufe 1, Einstieg. Daten werden gesammelt, aber nicht systematisch genutzt. Es gibt kein Datenteam, wenig Data Literacy und teilweise Vorbehalte im Kollegium. Hier geht es nicht um große Konzepte, sondern um Vertrauen und erste Erfahrungen. Bestandsaufnahme, ein überschaubares Thema wählen, ein kleines Datenteam bilden, eine Mikro-Fortbildung machen, einen Quick Win sichtbar machen. Mehr braucht es am Anfang nicht.

Stufe 2, Aufbau. Erste Auswertungen finden statt, oft anlassbezogen nach beispielsweise VERA. Eine Steuergruppe existiert, aber die Arbeit ist noch nicht verstetigt. Hier liegt der größte Hebel guter Schulleitungsarbeit. Feste Zeitfenster, ein zyklisches Verfahren wie das Data-Team-Modell von Schildkamp und Ehren, ein Professionalisierungskonzept und vor allem eine aktiv gestaltete Vertrauenskultur.

Stufe 3, Vertiefung. Datengestützte Schulentwicklung ist im Schulprogramm verankert. Datenteams arbeiten regelmäßig, Zyklen sind dokumentiert, das Kollegium teilt eine Sprache. Auf diesem Niveau geht es um Erweiterung. Schülerfeedback ergänzt Leistungsdaten, KI-gestützte Diagnostik wird als neue Datenquelle erschlossen, neue Prüfungsformate werden datenbasiert begleitet. Wer hier ist, hat eine Verantwortung, das Wissen weiterzugeben.

Die meisten Schulen bewegen sich am Übergang von Stufe 1 zu Stufe 2. Genau dort ist die Wirkung guter Schulleitungsarbeit am größten.

Was KI und Prüfungskultur verändern

Datengestützte Schulentwicklung steht nicht mehr für sich allein. Sie überschneidet sich mit zwei Diskursen, die das schulische Tun gerade tief umpflügen, nämlich generativer KI und veränderter Prüfungskultur.

Joscha Falck spricht im KI-Kompetenzmodell von vier Entwicklungsfeldern, also Verstehen, Anwenden, Reflektieren und Mitgestalten. Übertragen auf Datenarbeit heißt das, Schulleitungen brauchen nicht nur ein Werkzeug, sondern eine Sprache, mit der sie das Thema im Kollegium platzieren können. Doris Weßels weist immer wieder darauf hin, dass Rechtsunsicherheit der größte Bremsfaktor für Innovation in Schule ist. Datenschutz, KI-Verordnung und Schulgesetze sind komplex, aber wer aus Angst vor Verstößen gar nichts tut, verliert mehr als der, der mit Beratung mutig vorangeht. Hendrik Haverkamp zeigt, dass eine zeitgemäße Prüfungskultur ohne datenbasierte Reflexion nicht denkbar ist. Wenn neue Prüfungsformate erprobt werden, brauchen sie Begleitung, sonst bleiben sie Anekdote.

Diese drei Stimmen ergänzen den klassischen Diskurs zur datengestützten Schulentwicklung an wichtigen Stellen. Sie machen klar, dass Datenarbeit heute mehr ist als VERA-Auswertung. Sie ist Teil einer Schulentwicklung, die sich auf eine Welt mit KI und veränderter Leistungsbewertung einstellt.

Kultur schlägt Tool

Ein voll bestücktes Dashboard ist noch kein Konzept. Eine VERA-Rückmeldung im Ordner ist noch kein Entwicklungsprozess. Wer nur in Werkzeugen denkt, wird scheitern, weil Werkzeuge ohne Kultur keine Wirkung entfalten.

Die wichtigsten Hebel liegen woanders. Schulleitungen, die selbst sichtbar mit Daten arbeiten, schaffen automatisch Nachahmungseffekte im Kollegium. Eine Kultur der psychologischen Sicherheit erlaubt es, auch unbequeme Daten zu zeigen. Data Storytelling sorgt dafür, dass Zahlen nicht abstrakt bleiben, sondern in eine sinnstiftende Erzählung eingebettet werden. Und die Bereitschaft, Wirksamkeit zu prüfen, schließt den Zyklus, der sonst offenbleibt.

Das alles ist anstrengend. Es braucht einen langen Atem, wie Martina Diedrich vom IfBQ Hamburg zu Recht betont. Aber es ist auch das, was den Unterschied macht zwischen Schulen, die Daten dokumentieren, und Schulen, die mit Daten lernen.

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