KI in der Schule: Chancen und Risiken
KI ist längst Teil des Schulalltags. Der Beitrag zeigt Chancen und Risiken für Lernen, Lehrkräfte und die Auswahl passender Systeme.
Sina Schriewer8 Min. Lesezeit

Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Schulalltags. Aktuelle Zahlen zeigen, wie selbstverständlich Schüler:innen und Lehrkräfte KI inzwischen einsetzen. Damit wird die entscheidende Frage immer weniger, ob KI in Schule eine Rolle spielen soll, sondern wie ihre Chancen sinnvoll genutzt und mögliche Risiken begrenzt werden können.
Laut der JIM-Studie 2025 nutzen bereits 74 Prozent der 12- bis 19-Jährigen KI-Anwendungen für Hausaufgaben oder zum Lernen. Auch bei den Lehrkräften wächst die Nutzung. Laut einer aktuellen Bitkom-Befragung setzen 58 Prozent KI für schulische Zwecke ein. Zwei Drittel der Lehrkräfte sehen darin grundsätzlich eine Chance für die schulische Bildung.
Damit verschiebt sich eine zentrale Frage. Schulen müssen nicht mehr grundsätzlich entscheiden, ob KI eine Rolle spielen soll. Sie müssen klären, wo KI sinnvoll unterstützt, wo Grenzen liegen und welche Chancen sich dadurch sowohl für das Lernen als auch für die Vereinfachung schulischer Arbeitsabläufe ergeben.
Denn KI kann in Schule sehr unterschiedliche Rollen übernehmen. Sie kann Schüler:innen beim Lernen unterstützen, Lehrkräfte bei der Unterrichtsvorbereitung entlasten, administrative Prozesse vereinfachen oder die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams unterstützen. Gleichzeitig entstehen neue Fragen rund um Lernprozesse, Datenschutz, Verantwortung und den kompetenten Umgang mit KI.
Chancen von KI in der Schule: Lernen individueller gestalten
Eines der großen Potenziale von KI liegt in der Unterstützung von Lernprozessen.
64 Prozent der von Bitkom befragten Lehrkräfte geben an, dass digitale Technologien es ihnen ermöglichen, individueller auf Schüler:innen einzugehen. KI kann diese Möglichkeiten erweitern. Texte lassen sich beispielsweise an unterschiedliche Sprach- oder Leistungsniveaus anpassen, Aufgaben können variiert oder Inhalte auf unterschiedliche Weise erklärt werden.
Auch für Inklusion und sprachliche Teilhabe entstehen neue Möglichkeiten. Inhalte können vereinfacht, übersetzt oder anders aufbereitet werden. Entscheidend bleibt dabei, dass die Lehrkraft den Einsatz pädagogisch einordnet und entscheidet, wann die Unterstützung tatsächlich sinnvoll ist.
Dass der kompetente Umgang mit KI selbst zu einer Bildungsaufgabe wird, sehen inzwischen auch viele Lehrkräfte so. 89 Prozent der von Bitkom Befragten finden, dass Schüler:innen lernen sollten, wie man KI nutzt.
Einen hilfreichen Orientierungsrahmen bietet das Modell „Lernen und KI“ von Joscha Falck. Er unterscheidet fünf Dimensionen: Lernen über, mit, durch, trotz und ohne KI. Das Modell beschreibt damit unterschiedliche Perspektiven auf Lernen und Unterricht in einer von KI geprägten Welt. Es geht nicht nur darum, KI als Werkzeug einzusetzen, sondern auch ihre Funktionsweise zu verstehen, Ergebnisse kritisch zu reflektieren und bewusst Lerngelegenheiten zu schaffen, bei denen KI nicht eingesetzt wird.

Grafik in voller Größe öffnen · Grafik: Joscha Falck, „Lernen und KI“, CC BY-SA 4.0.
Das macht deutlich: Ein sinnvoller Einsatz von KI bedeutet nicht, möglichst viele Aufgaben mit KI zu erledigen. Entscheidend ist, wann KI den Lernprozess unterstützt und wann sie ihn möglicherweise sogar behindert.
Risiken von KI in der Schule: Wenn Unterstützung das Denken ersetzt
Genau hier liegt eines der zentralen Risiken.
42 Prozent der von Bitkom befragten Lehrkräfte äußern die Sorge, dass KI das eigenständige Denken von Schüler:innen beeinträchtigen könnte.
Dass diese Sorge nicht unbegründet ist, zeigt eine Studie zum Einsatz generativer KI im Mathematikunterricht mit knapp 1.000 Schüler:innen.
Während der Übungsphase erzielten Schüler:innen mit einem weitgehend unbeschränkten KI-Zugang bessere Ergebnisse. Als sie anschließend ohne KI getestet wurden, schnitten sie jedoch 17 Prozent schlechter ab als die Kontrollgruppe, die zuvor ohne KI gearbeitet hatte.
Interessant ist dabei ein zweites Ergebnis der Studie. Bei einer speziell als Tutor gestalteten KI, die stärker mit Hinweisen arbeitete und Lösungen nicht einfach vorwegnahm, zeigte sich dieser negative Effekt nicht in gleicher Weise.
Das zeigt, dass nicht allein die Frage entscheidend ist, ob KI eingesetzt wird, sondern wie sie gestaltet und in den Lernprozess eingebunden wird.
KI sollte im Lernen deshalb nicht wie ein Fahrstuhl funktionieren, der Schüler:innen direkt zum Ergebnis transportiert. Sinnvoller ist das Bild eines Klettergurts: KI kann unterstützen, Hinweise geben und Sicherheit schaffen, während die eigentliche Denk- und Lernleistung bei den Schüler:innen bleibt.
Umso wichtiger wird die Fähigkeit, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen. Laut JIM-Studie 2025 halten 57 Prozent der Jugendlichen die von KI gelieferten Informationen für vertrauenswürdig. Quellen zu prüfen, Aussagen zu hinterfragen und mögliche Fehler zu erkennen, wird deshalb zu einem wichtigen Teil von KI-Kompetenz.
Chancen von KI für Lehrkräfte: Entlastung im Schulalltag
Die Chancen von KI beschränken sich jedoch nicht auf das Lernen der Schüler:innen.
Auch Lehrkräfte können KI nutzen, um ihren Arbeitsalltag zu erleichtern. Laut Bitkom nennen 82 Prozent der Lehrkräfte ihre eigene Überlastung als eines der dringendsten Probleme an ihrer Schule. Gleichzeitig sagt rund ein Drittel der Lehrkräfte bereits heute, dass KI ihren Arbeitsalltag erleichtert.
Ein naheliegender Bereich ist die Unterrichtsvorbereitung. Hier gibt es inzwischen zahlreiche Anwendungen, die beispielsweise bei der Erstellung von Unterrichtsmaterialien, der Formulierung von Aufgaben oder der Differenzierung von Inhalten unterstützen.
Doch Schule besteht aus deutlich mehr als Unterrichtsvorbereitung.
Auch bei vielen organisatorischen und administrativen Aufgaben kann KI Potenzial bieten, beispielsweise bei der Vorbereitung von Elterngesprächen, Elternbriefen, Lernentwicklungsberichten oder Förderplänen. Weitere denkbare Anwendungsfälle sind die Unterstützung bei Konferenzprotokollen, die Protokollierung mündlicher Prüfungen, sofern die rechtlichen Voraussetzungen dafür erfüllt sind, die Strukturierung umfangreicher Informationen oder die Vorbereitung von Übergaben und Fallbesprechungen.
Auch für die multiprofessionelle Zusammenarbeit kann KI interessant sein. Lehrkräfte, Ganztag, Schulsozialarbeit, Sonderpädagogik und weitere Fachkräfte arbeiten zunehmend gemeinsam mit denselben Schüler:innen. Dabei entstehen an unterschiedlichen Stellen Beobachtungen, Absprachen, Aufgaben und Informationen, die später wieder benötigt werden.
KI kann dabei unterstützen, vorhandenes Wissen schneller zu strukturieren, zusammenzufassen und für die weitere Arbeit nutzbar zu machen.
Welche dieser Möglichkeiten für eine Schule tatsächlich relevant sind, lässt sich allerdings nicht allgemein beantworten.
Gerade Lehrkräfte und weitere Mitarbeitende sollten deshalb zunächst auf ihren eigenen Arbeitsalltag schauen: Welche Prozesse kosten besonders viel Zeit? Welche Aufgaben wiederholen sich ständig? Wo geht unnötig viel Kraft verloren?
Erst anschließend lohnt sich die Frage, ob KI an dieser Stelle sinnvoll unterstützen kann und welche Lösungen bereits existieren. Dabei kann es sich auch lohnen, mit Anbietern oder jungen Unternehmen ins Gespräch zu kommen. Gerade in einem sich schnell entwickelnden Markt entstehen laufend neue, sehr spezifische Lösungen und möglicherweise wird an einem konkreten Problem bereits gearbeitet.
Risiken und Herausforderungen: Wenn klare Rahmenbedingungen fehlen
Mit der zunehmenden Nutzung von KI entstehen gleichzeitig neue organisatorische und rechtliche Herausforderungen.
Nur 46 Prozent der Lehrkräfte bekommen laut Bitkom eine KI-Lizenz oder einen KI-Account von ihrer Schule zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig nutzen 26 Prozent für schulische Zwecke auch oder ausschließlich private KI-Accounts. 58 Prozent der Lehrkräfte fühlen sich im Umgang mit KI noch unsicher.
Das zeigt ein grundlegendes Problem: Wenn Schulen keine passenden Angebote und Rahmenbedingungen schaffen, entstehen individuelle Lösungen. Einzelne Mitarbeitende suchen sich eigene Werkzeuge, entwickeln eigene Arbeitsweisen und müssen selbst einschätzen, welche Informationen sie in welche Systeme eingeben dürfen.
Gerade bei personenbezogenen und sensiblen Informationen kann das problematisch werden.
Hinzu kommt die Frage, welche Entscheidungen überhaupt mithilfe von KI vorbereitet oder getroffen werden dürfen und welche Anforderungen für den jeweiligen Einsatz gelten.
Deshalb lohnt es sich, vor der Einführung eines KI-Systems einige grundlegende Fragen zu klären.
Worauf Schulen bei der Auswahl von KI achten sollten
Nicht jede Schule braucht dieselbe Lösung und nicht jeder Anwendungsfall stellt dieselben Anforderungen. Entscheidend ist deshalb zunächst Klarheit darüber, wofür KI eingesetzt werden soll und was eine passende Lösung dafür leisten muss.
1. Welches Problem soll gelöst werden?
Am Anfang sollte nicht das Tool stehen, sondern der tatsächliche Bedarf.
Soll KI beim Lernen unterstützen, Unterrichtsvorbereitung erleichtern, Verwaltungsaufgaben vereinfachen, Dokumentation reduzieren oder die Zusammenarbeit verbessern?
Je genauer die Schule weiß, welche Herausforderung sie lösen möchte, desto besser lässt sich beurteilen, welche Lösung tatsächlich geeignet ist.
2. Welche Informationen werden verarbeitet?
Die Anforderungen unterscheiden sich erheblich danach, welche Daten in einem System verarbeitet werden.
Wer allgemeine Unterrichtsideen entwickelt, arbeitet mit anderen Informationen als eine Lehrkraft, die Beobachtungen zu einzelnen Schüler:innen, Gesprächsnotizen oder Förderinformationen verarbeitet.
Deshalb sollten Datenschutz, Speicherort, Zugriffsrechte und die weitere Verarbeitung der eingegebenen Daten immer passend zum konkreten Anwendungsfall geprüft werden.
3. Welche rechtlichen Anforderungen gelten?
Auch hier entscheidet der konkrete Anwendungsfall.
Der europäische AI Act verfolgt einen risikobasierten Ansatz. Das bedeutet, dass nicht jede KI-Anwendung denselben Anforderungen unterliegt. Für bestimmte Anwendungen im Bildungsbereich gelten jedoch besondere Regelungen, beispielsweise wenn KI-Systeme für bestimmte Bewertungs- oder Auswahlentscheidungen eingesetzt werden.
Auch die Handlungsempfehlungen der Kultusministerkonferenz zum Umgang mit KI in schulischen Bildungsprozessen betonen einen konstruktiv-kritischen Umgang mit KI und die Bedeutung klarer rechtlicher Rahmenbedingungen.
Vor der Auswahl einer Lösung sollte deshalb geklärt werden, welche Anforderungen sich aus dem konkreten Einsatz ergeben und wie sichergestellt wird, dass die fachliche und pädagogische Verantwortung beim Menschen bleibt.
4. Wer soll die KI nutzen?
Schulen sind große Organisationen, in denen sehr unterschiedliche Personen und Berufsgruppen arbeiten.
Eine KI-Lösung kann ausschließlich die Schulleitung unterstützen, für einzelne Fachbereiche gedacht sein oder Lehrkräfte bei bestimmten Aufgaben entlasten. Sie kann aber auch das gesamte Kollegium oder ein multiprofessionelles Team aus Lehrkräften, Ganztag, Schulsozialarbeit und weiteren pädagogischen Fachkräften betreffen.
Diese Entscheidung sollte möglichst früh getroffen werden. Denn je nachdem, wer ein System nutzt, verändern sich die Anforderungen an Zugriffsrechte, Rollen, Zusammenarbeit und Bedienbarkeit.
5. Welche Ressourcen stehen zur Verfügung?
Schließlich sollte eine Schule realistisch betrachten, welche Ressourcen für die Einführung vorhanden sind.
Dazu gehören finanzielle Mittel für Lizenzen und technische Infrastruktur genauso wie personelle Ressourcen. Wer begleitet die Einführung? Welche Fortbildungen sind notwendig? Wer kann bei Fragen unterstützen?
Ein leistungsfähiges KI-System bringt wenig, wenn die Einführung im Schulalltag zusätzliche Belastung erzeugt oder nach kurzer Zeit nicht mehr genutzt wird.
Fazit: Chancen nutzen, Risiken bewusst gestalten
KI ist in Schulen angekommen. Bei Schüler:innen genauso wie bei Lehrkräften.
Damit entstehen neue Möglichkeiten, gleichzeitig steigt die Verantwortung.
Für das Lernen bedeutet das, KI so einzusetzen, dass sie Lernprozesse unterstützt, ohne das eigenständige Denken zu ersetzen. Schüler:innen müssen lernen, KI-Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und die Technologie bewusst einzusetzen.
Für die Arbeit von Lehrkräften und multiprofessionellen Teams bedeutet es, KI so einzusetzen, dass sie dort entlastet, wo besonders viel Zeit verloren geht, Prozesse unnötig kompliziert sind oder immer wieder ähnliche Arbeit anfällt.
Gleichzeitig braucht es klare Rahmenbedingungen für Datenschutz, Verantwortung und die Auswahl geeigneter Systeme.
Die entscheidende Aufgabe für Schulen besteht deshalb nicht darin, möglichst schnell möglichst viele KI-Tools einzuführen. Es geht darum, Chancen und Risiken zu verstehen, die eigenen Bedarfe zu kennen und bewusst zu entscheiden, wo KI einen echten Mehrwert für Lernen und Schulalltag schaffen kann.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bitkom: Schule und KI - Große Chancen, ungleiche Voraussetzungen
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2025
- Bastani et al.: Generative AI without guardrails can harm learning
- Joscha Falck: Lernen und Künstliche Intelligenz
- Europäische Union: Verordnung (EU) 2024/1689 (AI Act)
- Kultusministerkonferenz: Handlungsempfehlung zum Umgang mit KI
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