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Im Gespräch

Schmetterlingspädagogik in der Praxis: Stefan Ruppaner über Eigenverantwortung, Gelingensnachweise und die Schule 2035

Sina Schriewer
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Stefan Ruppaner, langjähriger Rektor der Alemannenschule Wutöschingen

Im Gespräch

Stefan Ruppaner über Eigenverantwortung, Gelingensnachweise, multiprofessionelle Teams und seine Vision für Schule im Jahr 2035.

Ein Interview von Sina Schriewer · 2026

Bei Kipti beschäftigt uns die Frage, wie zeitgemäßes Lernen in der Praxis aussieht. Eine Schule, die diese Frage seit Jahren konsequent neu beantwortet, ist die Alemannenschule Wutöschingen. Ihr langjähriger Rektor Stefan Ruppaner hat dort die Schmetterlingspädagogik geprägt, ein Konzept, das Schülerinnen und Schüler als aktive Gestalter ihres eigenen Lernprozesses ernst nimmt.

Am 24. Februar 2026 hat Stefan in Osnabrück rund 550 Anwesende und sicher noch viele Zuschauerinnen und Zuschauer im Livestream begeistert. In unserem ersten Beitrag haben wir das Konzept überblicksartig beschrieben. Diesmal gehen wir tiefer.

Ich beginne mit einer Frage, die ich im Nachgang des Vortrags von verschiedenen Seiten gehört habe.

Sina: Hand aufs Herz, funktioniert die Schmetterlingspädagogik mit ihrer hohen Eigenverantwortung wirklich für alle Kinder?

Stefan: “Nein, natürlich funktioniert die Schmetterlingspädagogik nicht für alle Kinder, aber es gibt viel mehr Kinder, die damit viel besser zurechtkommen als mit dem traditionellen Schulsystem. Die Anzahl der Kinder, die hervorragende Leistungen bringen und dabei glücklich sind, ist weitaus höher. Schlechte Leistungen gibt es natürlich an der Alemannenschule Wutoeschingen auch noch, aber der Prozent zahlt der Kinder, die nicht damit zurecht kommen ist weitaus geringer als an traditionellen Schulen.”

Das wirft direkt die Frage auf, wer am Anfang die Entscheidung trifft. Bevor ein Kind am Konzept teilnehmen kann, müssen ja die Erwachsenen mitgehen, gerade in den Familien, die unsicher sind, was euer Konzept angeht.

Sina: Wie überzeugt ihr Eltern und Erziehungsberechtigte von eurem Konzept, insbesondere diejenigen, die anfangs skeptisch sind und eher die vermeintliche Sicherheit im klassischen System suchen?

Stefan: “Eltern sind oft überzeugt, weil es ihren Kindern in unserem System viel besser geht als informationellen System. Es ist aber gar nicht unsere Absicht, Eltern zu überzeugen. Es ist die Verantwortung, der Eltern zu entscheiden, welche Umgebung für ihr eigenes Kind am geeignetsten ist. Wenn Eltern also zur Auffassung kommen, dass ihr Kind Druck braucht und lernen muss, Befehlen zu gehorchen ist die Alemannenschule nicht die geeignete Schule. Genau das akzeptieren wir und wollen niemanden überzeugen.”

Sina: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit den Eltern in der Schmetterlingspädagogik, und wie bindet ihr sie aktiv in den Schulalltag ein?

Stefan: “Es ist die Verantwortung der Eltern, sich über die Schmetterlingspädagogik zu informieren. Es gibt ein altes Sprichwort: „Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Wir erwarten, dass die Eltern ihre Kinder lieb haben und ihnen Freiräume zugestehen, damit diese Verantwortung übernehmen können. Viele Eltern lassen sich auch als Lernhelfer ausbilden, wobei sie dann nicht den eigenen, sondern meist anderen Kindern in der Schule als Lernhelfer zur Verfügung stehen. Eltern unterstützen uns besonders im Bereich von Lernen durch Erleben. Es gibt viele Möglichkeiten, mitzugestalten und zu unterstützen.”

Ein Punkt aus deinem Vortrag hat mich danach noch lange beschäftigt: die Aussage, dass Schulen oft erschreckend gut darin sind, soziale Milieus zu reproduzieren.

Sina: Wie schafft ihr in der Praxis echte Gerechtigkeit, damit der Stempel „schwieriges Klientel“ endgültig seinen Schrecken verliert?

Stefan: “Solange wir von allen Kindern das gleiche erwarten und für alle die gleichen Prüfungen machen, gibt es keine Gerechtigkeit zu erwarten. Bei uns weisen die Kinder ihr Gelingen nach. Gelingensnachweise sind das Herzstück der Gerechtigkeit. Jedes Kind weist das Gelingen nach zu dem es eben fähig ist. Aus diesem Grund gibt es auch dieses besonders schwierige Klientel gar nicht.”

Genau da wird es für viele Schulen heikel, gerade dort, wo die Schülerinnen und Schüler nach der 10. Klasse für das Abitur an ein klassisches Gymnasium wechseln und dort plötzlich wieder ganz normal benotet werden.

Sina: Wie funktioniert der Übergang von klassischen Noten zu euren Gelingensnachweisen, ohne dass die Vergleichbarkeit leidet?

Stefan: “Im System der Schmetterlingspädagogik können die lernenden Anzahl und Schwierigkeitsgrad ihrer Gelingensnachweise bestimmen. Sie bestimmen selbst welches Gelingen sie nachweisen. Aus diesem erbrachten Gelingensnachweisen, können wir jederzeit eine Note generieren, ohne jemals allen gleichzeitig eine Note erteilt zu haben. In dem Abschlussprüfungen und im Abitur haben wir natürlich eine andere Situation. Dort müssen wir Klausuren schreiben. Aber auch bei solchen Prüfungen zeigen die Kinder, die im Rahmen der Schmetterlingspädagogik aufgewachsen sind weitaus bessere Leistungen. Das erste Abitur, dass die Kinder unserer Schule abgelegt haben, hat einen Durchschnitt von 1,7. Der Landesdurchschnitt in Baden-Württemberg war 2,17.”

Beeindruckende Zahlen. Schulentwicklung und Lernen gelingen aber nie ohne Rückschläge.

Sina: Welchen Stellenwert hat das Scheitern bei euch, und wie hängt eine produktive Fehlerkultur mit der inneren Haltung zusammen, die das Konzept vom Kollegium und von den Lernenden fordert?

Stefan: “Scheitern gehört zum Leben. Da wir keine Klassenarbeiten schreiben, sondern Gelingensnachweise erbringen, ist das Scheitern allerdings kein Problem. Gelingensnachweise sind jederzeit wiederholbar. Das nimmt den Druck. Fehler machen ist in diesem Bereich eben kein Problem, sondern eine Chance.”

Bei so viel individuellem Lernen drängt sich für uns bei Kipti besonders eine Frage auf. Genau dort, wo Wissen über einzelne Schülerinnen und Schüler im Team gehalten und geteilt werden muss, sehen wir an vielen Schulen die größte Lücke.

Sina: Wie schafft ihr es, die Informationen zu den Kindern im Team zu teilen und aktuell zu halten, und führt euer Konzept im Bereich der Gesprächs- und Lernbegleitungsdokumentation eigentlich zu mehr oder zu weniger Aufwand als der klassische Schulalltag?

Stefan: “Auch bei viel individuellem Lernen bleibt der Überblick gut, weil alles zentral organisiert ist. Im Mittelpunkt steht die digitale Lernplattform DiLer:

  • Coaching-Gespräche werden dort direkt dokumentiert.
  • Lehrkräfte, Kinder und Eltern haben Zugriff, alle sind auf dem gleichen Stand.
  • Informationen sind jederzeit aktuell und transparent.

Teamarbeit wird dadurch einfacher: Weniger Absprachen, weil alle auf dieselben Daten zugreifen können.

Der Aufwand ist insgesamt deutlich geringer als im klassischen System:

  • Keine doppelte Dokumentation
  • Weniger Bürokratie
  • Vor allem: Kein Unterricht, der Zeit bindet

Die gewonnene Zeit fließt in das, was wirklich zählt: Coaching, Beziehung und individuelle Lernbegleitung.”

Was du beschreibst funktioniert ja nur, wenn das ganze Team es trägt. Sobald multiprofessionelle Teams und externe Partner verlässlich zusammenarbeiten, verändert sich Schulalltag spürbar.

Sina: Welche Rolle spielen multiprofessionelle Teams für das Gelingen eurer Pädagogik, und wie bindet ihr externe Akteure wie zum Beispiel die Jugendhilfe konkret in den Schulalltag ein?

Stefan: “Multiprofessionelle Teams sind ein zentraler Erfolgsfaktor unserer Arbeit an der Alemannenschule Wutöschingen. Unsere Pädagogik lebt davon, dass niemand alleine arbeitet, sondern Verantwortung konsequent im Team getragen wird.

Strukturell sind wir in sogenannten Quadrigen organisiert: Vier Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter bilden jeweils ein festes Team und begleiten gemeinsam eine Lerngruppe. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Austausch, gegenseitige Unterstützung und eine gemeinsame Verantwortung für die Entwicklung der Kinder.

Eine wichtige Grundlage für diese Zusammenarbeit ist ViQ: Alle Beteiligten erstellen ein persönliches Profil, das im Team besprochen wird. So werden Stärken, Perspektiven und Rollen transparent und gezielt im Sinne der Kinder eingesetzt.

Ergänzend dazu arbeiten wir in Fachteams, die sich über Inputs, Materialien und Lernpakete abstimmen. Dadurch entsteht Qualität und Verlässlichkeit in der fachlichen Arbeit, bei gleichzeitig hoher Individualisierung.

Externe Akteure, insbesondere die Jugendhilfe, sind fest eingebunden: Die Zusammenarbeit wird bei uns vom pädagogischen Team, das überwiegend aus Sozialarbeiterinnen besteht, koordiniert. Sie sind die Schnittstelle nach außen und sorgen dafür, dass Unterstützungssysteme nahtlos in den Schulalltag integriert werden.

So entsteht ein starkes Netzwerk, das Schule erweitert: Nicht als isolierter Lernort, sondern als gemeinsamer Lebens- und Entwicklungsraum für Kinder.”

Eine Frage, die sich wahrscheinlich viele Lehrkräfte nach Vorträgen wie deinem stellen.

Sina: Was kann ich als einzelne Lehrkraft an einer klassischen Regelschule am Montagmorgen konkret anders machen, um ein erstes Stück „Schmetterling“ in meinen Unterricht zu bringen?

Stefan: “Das ist allerdings nicht so leicht. Das Churer Modell wäre ein möglicher Einstieg. Die Schmetterlingspädagogik lebt allerdings vom Teamgedanken und von der Zusammenarbeit. Ganz allein ist das schwierig. Es sollten aber immer irgendwelche Mitstreiterinnen zu finden sein.”

Zum Abschluss noch ein Blick voraus. Ich lese gerade „Schule 2035“ von Jöran Muuß-Merholz und musste deshalb einfach fragen.

Sina: Wie wird die deutsche Schullandschaft im Jahr 2035 aussehen?

Stefan: “Wenn sich die Schmetterlingspädagogik bis 2035 durchgesetzt hat, wird Schule kaum noch wiederzuerkennen sein und gleichzeitig ihrem eigentlichen Auftrag endlich gerecht werden. Schulen werden keine Orte des Unterrichts mehr sein, sondern offene Lern- und Lebensräume. Das klassische Klassenzimmer ist verschwunden, ersetzt durch vielfältige Lernlandschaften, in denen Kinder selbstbestimmt, gemeinsam und sinnorientiert lernen. Zeit ist nicht mehr in Stunden zerstückelt, sondern steht als echter Entwicklungsraum zur Verfügung.

Unterricht, wie wir ihn kannten, existiert nicht mehr. An seine Stelle ist eine Kultur des Lernens getreten: geprägt von Vertrauen, Verantwortung und echter Beziehung. Die Lernenden arbeiten weitgehend selbstorganisiert, unterstützt durch digitale Systeme und Künstliche Intelligenz, die individuelles Lernen auf einem völlig neuen Niveau ermöglichen. Wissen ist jederzeit verfügbar, entscheidend ist nicht mehr, was man weiß, sondern wie man lernt, denkt, kooperiert und gestaltet. Gleichzeitig hat das Lernen durch Erleben einen zentralen Stellenwert.

Schule ist geöffnet zur Welt. Projekte, reale Herausforderungen, Kooperationen mit Handwerk, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft prägen den Alltag. Kinder erleben sich als wirksam und entwickeln Sinn für das, was sie tun.

Die Rolle der Lehrkräfte hat sich grundlegend verändert: Sie sind Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter, Coaches, Persönlichkeiten, die Orientierung geben und Beziehungen gestalten. Sie arbeiten in Teams, getragen von einer gemeinsamen Haltung.

Multiprofessionelle Netzwerke sind selbstverständlich geworden: Sozialarbeit, Psychologie, außerschulische Partner, Eltern und digitale Lernsysteme wirken zusammen. Schule ist kein abgeschlossener Raum mehr, sondern ein vernetztes System.

Und vielleicht das Wichtigste: Die Haltung hat sich verändert. Schule orientiert sich nicht mehr an Kontrolle und Vergleich, sondern an Potenzialentfaltung und Lebensfreude. Kinder gehen gerne in die Schule, weil sie dort ernst genommen werden, wachsen dürfen und Sinn erleben. Deutschland hat erkannt, dass Bildung mehr ist als Wissensvermittlung. Die vier Elemente Haltung, Expertise, Raum und Zeit, Bildung mit HERZ, sind zur Grundlage des Systems geworden.

2035 ist Schule ein Ort, an dem junge Menschen nicht auf das Leben vorbereitet werden, sondern mittendrin sind im Leben.

Und vielleicht würde man sagen: Schule ist damit wieder bei dem angekommen, was schon Aristoteles als ihr eigentliches Ziel verstanden hat, nicht bloß Wissen anzuhäufen, sondern ein gutes, gelingendes Leben zu führen und seine Muße zu finden. Bildung dient dann nicht mehr der Anpassung, sondern der Entfaltung des Menschen in Gemeinschaft, hin zu einem Leben in Verantwortung, Sinn und Glück.”

Lieber Stefan, ganz herzlichen Dank für deine Zeit und deine offenen Antworten. Du gibst uns einen tiefen Einblick in eine Schulpraxis, die zeigt, dass Schule heute schon sehr viel anders gedacht und gelebt werden kann, als es die meisten von uns aus der eigenen Schulzeit kennen. Was uns dabei besonders bleibt, ist die konsequente Verschiebung der Frage: Nicht „Wie bringen wir den Kindern den Stoff bei?“, sondern „Wie schaffen wir Räume, in denen sie ihr eigenes Gelingen nachweisen können?“.

Wir verfolgen den Weg der Schmetterlingspädagogik mit großem Interesse weiter und freuen uns auf den nächsten Austausch.

Über Stefan Ruppaner. Stefan Ruppaner war langjähriger Rektor der Alemannenschule Wutöschingen (ASW) und gilt als Vordenker der Schmetterlingspädagogik. Mehr zur Schule unter asw-wutoeschingen.de.

Weiterlesen. Unser einführender Beitrag „Schule neu denken: Der Flügelschlag der Schmetterlingspädagogik“ erscheint im selben Themenschwerpunkt.

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