Wer, wenn nicht wir? Warum eine zukunftsfähige Prüfungskultur Führungssache ist
Über zukunftsfähige Prüfungskultur wird viel geschrieben. Beutel und Ruberg haben 2025 eine umfangreiche wissenschaftliche Expertise vorgelegt, die Bertelsmann Stiftung hat im selben Jahr ein Plädoyer für mutige Entscheidungen veröffentlicht, und an vielen Schulen entstehen kreative Pilotprojekte.
Trotzdem bewegt sich in der Breite wenig. Genau diese Lücke ist der Anlass für diesen Beitrag.
Eine ehrliche Diagnose
Wer mit Lehrkräften über neue Prüfungsformate spricht, hört oft eine vertraute Mischung aus Interesse und Vorsicht. Das Thema ist wichtig, das ist allen klar. Aber es kollidiert mit Alltag, mit gefühlten Risiken und mit der Sorge, gegenüber Eltern oder der Schulaufsicht angreifbar zu werden.
Die Frage ist also nicht, ob Lehrkräfte Veränderung wollen. Die Frage ist, wer den Rahmen dafür schafft.
Grundsätzlich kristallisieren sich drei Hürden heraus:
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Es fehlen geschützte Experimentierräume, in denen Erprobung auch einmal schiefgehen darf.
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Rechtliche Spielräume werden zu wenig genutzt, weil sie im Kollegium nicht bekannt sind.
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Prüfungskultur wird als didaktisches Detail einzelner Lehrkräfte behandelt und nicht immer als Frage der Schulentwicklung.
Solange diese drei Punkte nicht adressiert werden, bleibt jede Reform zerbrechlich.
Prüfungskultur ist kein didaktisches Detail. Sie ist Ausdruck einer schulischen Strategie, und Strategie zu prägen ist Führungsaufgabe.
Wer trägt die Verantwortung?
Ministerien setzen Rahmen, gestalten aber keine schulische Praxis. Landesinstitute liefern Materialien, aber keine Schulkultur. Lehrkräfte können innovativ arbeiten, brauchen aber institutionellen Rückhalt. Technologie bietet Werkzeuge, aber keine pädagogische Richtung.
Wer übernimmt also die Verantwortung dafür, dass aus neuen Prüfungsideen gelebte Schulkultur wird?
Meine These ist: die Schulleitungen. Und ihre Verantwortung ist dreifach.
Ermöglichung
Schulleitungen schaffen den Rahmen, in dem Erprobung stattfinden darf. Das heißt: rechtliche Spielräume kennen und transparent machen, geschützte Pilotphasen in einzelnen Jahrgängen oder Fachbereichen einrichten und Ressourcen wie Entlastungsstunden gezielt einsetzen.
Ohne diesen ersten Schritt bleiben neue Formate eine Frage des Mutes einzelner Lehrkräfte. Und Mut allein trägt keine Schulkultur.
Steuerung
Prüfungskultur muss systematisch in der Schulentwicklung verankert werden. Das heißt, einen Zyklus zu etablieren, in dem Bestandsaufnahme, Schwerpunktsetzung, Pilotierung und Auswertung aufeinander aufbauen.
Eine Steuergruppe mit klarem Mandat ist hier zentraler als jedes Tool, weil sie Veränderung personenunabhängig macht. Ohne diesen Schritt wird aus engagierter Einzelarbeit nie eine Schulpraxis.
Entwicklung
Schulleitungen prägen das Menschenbild, das hinter der Leistungsbeurteilung steht. Sehen wir Prüfungen als Selektionsinstrument oder als Werkzeug für Lernentwicklung und Selbstwirksamkeit?
Diese Sichtweise spiegelt sich nicht nur in Leitbildern, sondern darin, wie Schulleitungen und Kollegien über Leistung sprechen, welche Leistungen sie sichtbar machen und wie sie diese mit Eltern und Schülerschaft kommunizieren.
Letztendlich geht es darum, was mit Prüfungen eigentlich erreicht werden soll und welche Aufgabe sie in einem Lernprozess haben.
Drei Niveaustufen, ein gemeinsamer Weg
Auch in der Prüfungskultur gelingt Veränderung selten als großer Wurf. Sie entsteht aus aufeinander abgestimmten Schritten. Aus meiner Beobachtung lassen sich drei Stufen unterscheiden.
Stufe 1: Analyse und Vision
Es gibt einzelne engagierte Lehrkräfte, aber keine schulweite Strategie. Hier geht es nicht um große Konzepte, sondern um Vertrauen und erste Erfahrungen.
Eine Bestandsaufnahme der aktuellen Prüfungspraxis, ein überschaubares Pilotprojekt in einem Fach oder Jahrgang und eine Mikro-Fortbildung reichen aus, um in Bewegung zu kommen.
Stufe 2: Entwicklung und Strategie
Eine Steuergruppe existiert, erste Pilotphasen laufen, aber die Arbeit ist noch nicht verstetigt. Genau hier liegt der größte Hebel guter Schulleitungsarbeit.
Feste Zeitfenster im Schuljahreskalender, ein gemeinsamer Bezugsrahmen wie die dreizehn Veränderungsfaktoren und eine aktiv gestaltete Vertrauenskultur sind die Bausteine.
Stufe 3: Vertiefung und Nachhaltigkeit
Prüfungskultur ist im Schulprogramm verankert, neue Formate sind erprobt und dokumentiert, das Kollegium teilt eine Sprache. Auf diesem Niveau geht es um Erweiterung.
KI-gestützte Diagnostik wird integriert, partizipative Bewertungsformate werden ausgebaut, und das Wissen wird an andere Schulen weitergegeben.
Was KI und VUCA verändern
Prüfungskultur steht nicht für sich allein. Sie überschneidet sich mit zwei Diskursen, die das schulische Tun gerade tief umpflügen: generative KI und eine Welt, die durch VUCA und BANI beschrieben wird.
Joscha Falck spricht im KI-Kompetenzmodell von vier Entwicklungsfeldern: Verstehen, Anwenden, Reflektieren und Mitgestalten. Übertragen auf Prüfungskultur heißt das, Schulleitungen brauchen nicht nur eine Position zur KI-Nutzung in Prüfungen, sondern eine Sprache, mit der sie das Thema im Kollegium und gegenüber Eltern platzieren können.
Wenn neue Prüfungsformate erprobt werden, müssen sie konsequent zu Ende gedacht werden. Sonst bleiben sie im entscheidenden Moment stehen und wirkungslos. Zusätzlich gilt an dieser Stelle, was in Veränderungsprozessen immer gelten sollte:
Die Frage nach dem Warum sollte immer vor der Frage des Womit und Wie stehen.
Diese Gedanken machen klar, dass Prüfungskultur heute mehr ist als die Frage, ob Klassenarbeiten als etablierte Prüfungsform ausreichend sind und wie es gelingt, Schüler:innen trotz KI in klassischen Formaten zu halten. Sie ist Teil einer Schulentwicklung, die sich auf eine Welt mit KI, mit veränderten Lernwegen und mit neuen Zugehörigkeitsfragen einstellt.
Kultur schlägt Format
Ein neues Prüfungsformat ist noch keine zukunftsfähige Prüfungskultur. Ein KI-Tool für Feedback ist noch kein Konzept. Wer nur in Werkzeugen oder Formaten denkt, wird scheitern, weil Werkzeuge ohne Kultur keine Wirkung entfalten.
Die wichtigsten Hebel liegen woanders. Schulleitungen, die selbst sichtbar Verantwortung für Bewertungsfragen übernehmen, schaffen Nachahmungseffekte im Kollegium. Eine Kultur der psychologischen Sicherheit erlaubt, auch unbequeme Fragen zu stellen. Transparenz gegenüber Eltern verhindert, dass aus Veränderung Misstrauen wird. Und die Bereitschaft, Pilotphasen ehrlich zu evaluieren, schließt den Zyklus, der sonst offenbleibt.
Das alles ist anstrengend. Es braucht einen langen Atem. Aber es ist auch das, was den Unterschied macht zwischen Schulen, die neue Formate ausprobieren, und Schulen, die ihre Prüfungskultur tatsächlich transformieren.