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Schulentwicklung

Gewaltprävention an Schulen: Frühzeitig handeln

Gewaltprävention beginnt lange vor einem Vorfall. Schulen brauchen klare Zuständigkeiten, verlässliche Informationswege und gemeinsam getragene Schutzkonzepte.

Sina Schriewer6 Min. Lesezeit

Eine Lehrkraft unterbricht das Bedrängen eines Schülers auf dem Schulhof

Gewalt an Schulen beginnt nicht erst dort, wo es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Beleidigungen, Drohungen, Ausgrenzung, Mobbing, Cybermobbing oder sexualisierte Gewalt gehören ebenso dazu. Und häufig sind es nicht einzelne Ereignisse, sondern Entwicklungen über einen längeren Zeitraum, die für Schüler:innen, Lehrkräfte und weitere Mitarbeitende belastend werden können.

Für Schulen stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie sie auf einen konkreten Gewaltvorfall reagieren. Mindestens genauso wichtig ist, wie Gewalt möglichst früh erkannt und verhindert werden kann.

Gewaltprävention ist damit keine einzelne Maßnahme und auch kein Konzept, das einmal erstellt und anschließend abgelegt wird. Sie betrifft die Zusammenarbeit in der Schule, das Schulklima, klare Zuständigkeiten, die Dokumentation von Beobachtungen und Vorfällen sowie die Kooperation mit externen Stellen.

Was gehört zu Gewalt an Schulen?

Wenn von Gewalt im schulischen Kontext gesprochen wird, denken viele zunächst an körperliche Übergriffe. Tatsächlich umfasst Gewalt jedoch wesentlich mehr.

Dazu gehören unter anderem:

  • körperliche Gewalt und Bedrohungen
  • verbale Gewalt und Beleidigungen
  • psychische Gewalt und Ausgrenzung
  • Mobbing
  • Cybermobbing und andere Formen digitaler Gewalt
  • sexualisierte Gewalt
  • Sachbeschädigungen

Auch die UNESCO verwendet ein umfassendes Verständnis von Gewalt im schulischen Kontext und berücksichtigt unter anderem körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt sowie Mobbing und Cybermobbing.

Dabei können unterschiedliche Formen von Gewalt sowohl Schüler:innen als auch Lehrkräfte und andere Mitarbeitende einer Schule betreffen.

Entscheidend ist außerdem nicht immer nur die einzelne Situation. Gerade bei Mobbing, Ausgrenzung oder psychischer Gewalt kann es schwierig sein, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Jede Person erlebt eine Klasse oder einzelne Schüler:innen immer nur einen Teil des Tages und in bestimmten Situationen.

Wenn jedoch mehrere Personen ähnliche Beobachtungen machen und diese Informationen zusammengeführt werden können, kann schneller ein Gesamtbild entstehen. Dadurch kann möglicherweise auch früher erkannt werden, dass Handlungsbedarf besteht.

Gewaltprävention ist eine Aufgabe der ganzen Schule

Wirksame Gewaltprävention lässt sich nur schwer an einzelne Personen delegieren.

Die UNESCO verfolgt deshalb einen ganzheitlichen Ansatz zur Gewaltprävention und bindet den gesamten Bildungsbereich sowie weitere relevante Akteure ein. Mehr zum ganzheitlichen Ansatz der UNESCO.

Für Schulen bedeutet das vor allem, Strukturen zu schaffen, die im Alltag tatsächlich funktionieren.

1. Eine gemeinsame Haltung entwickeln

Am Anfang steht die Frage, wie eine Schule miteinander umgehen möchte und welches Verhalten nicht akzeptiert wird.

Dabei geht es nicht nur um Regeln für Schüler:innen. Auch Mitarbeitende benötigen ein gemeinsames Verständnis davon, wann eine Situation beobachtet, dokumentiert, weitergegeben oder eskaliert werden sollte.

Eine solche Haltung schafft Orientierung und kann verhindern, dass ähnliche Situationen abhängig von der jeweiligen Person völlig unterschiedlich bewertet werden.

2. Beobachtungen frühzeitig zusammenführen

Gerade problematische Entwicklungen sind nicht immer sofort eindeutig zu erkennen. Einzelne Beobachtungen können zunächst wenig auffällig erscheinen. Erst wenn Informationen aus unterschiedlichen Situationen zusammenkommen, wird möglicherweise sichtbar, dass sich etwas verändert oder bestimmte Vorfälle wiederholen.

Deshalb braucht Gewaltprävention funktionierende Informationswege.

Wer hat etwas beobachtet? Gab es ähnliche Situationen bereits? Welche Gespräche wurden geführt? Welche Maßnahmen wurden vereinbart? Und wer muss diese Informationen kennen?

Wissen sollte dabei nicht ausschließlich in persönlichen Notizen, einzelnen E-Mails oder bei einzelnen Mitarbeitenden liegen. Gleichzeitig handelt es sich häufig um sensible Informationen, die nur den Personen zugänglich sein dürfen, die sie tatsächlich benötigen.

3. Klare Abläufe für den Ernstfall schaffen

Wenn tatsächlich etwas passiert, sollte nicht erst geklärt werden müssen, wer zuständig ist.

Schulen brauchen deshalb klare Interventionswege.

Wer wird bei welchem Vorfall informiert? Welche Person übernimmt die Koordination? Wann wird die Schulleitung einbezogen? Wann braucht es Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Jugendhilfe oder Polizei? Wie werden Eltern informiert? Und wie wird anschließend festgehalten, welche Schritte erfolgt sind?

Solche Abläufe schaffen Handlungssicherheit. Gerade in emotional belastenden Situationen ist es hilfreich, wenn Verantwortlichkeiten nicht erst ausgehandelt werden müssen.

Wie wichtig klar geregelte Zuständigkeiten und die Zusammenarbeit verschiedener Stellen sind, zeigt beispielsweise auch der aktuelle niedersächsische Gewaltpräventionserlass. Er beschreibt konkrete Aufgaben von Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Polizei und Staatsanwaltschaft und sieht klare Handlungswege für Prävention und Intervention vor.

4. Schutz- und Präventionskonzepte im Alltag verankern

Viele Schulen verfügen bereits über Präventionsprogramme, Schulregeln, Kinderschutzkonzepte oder Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt.

Entscheidend ist jedoch, dass diese nicht nur formal existieren.

Mitarbeitende müssen wissen, welche Verfahren gelten, wo sie die entsprechenden Informationen finden und an wen sie sich in einer bestimmten Situation wenden können. Neue Kolleg:innen müssen einbezogen und Vereinbarungen regelmäßig überprüft werden.

Auch die Kultusministerkonferenz versteht die Entwicklung eines Schutzkonzeptes nicht als einmalige Aufgabe, sondern als Schulentwicklungsprozess. Der von der KMK veröffentlichte Leitfaden zu Schutzkonzepten gegen sexuelle Gewalt soll Schulen insbesondere bei der praktischen Umsetzung im Schulalltag unterstützen.

Gleichzeitig haben sich durch digitale Systeme und KI neue Möglichkeiten entwickelt, solche Konzepte im Alltag zugänglicher zu machen. Konzepte, Leitfäden und interne Vereinbarungen können zentral hinterlegt und über Suchfunktionen oder einen KI-Chat erschlossen werden.

Statt ein umfangreiches Konzept jedes Mal vollständig durchsuchen zu müssen, können Mitarbeitende beispielsweise fragen: Was sieht unser Konzept in dieser Situation vor? Wer muss informiert werden? Welche nächsten Schritte sind festgelegt?

Auch Informationen aus bereits vorhandener Dokumentation können, abhängig vom eingesetzten System und den entsprechenden Berechtigungen, zusammengefasst und schneller verfügbar gemacht werden.

5. Zusammenarbeit organisieren

An Gewaltprävention und Intervention sind häufig unterschiedliche Personen beteiligt. Je nach Situation können das Lehrkräfte, Schulleitung, Schulsozialarbeit, pädagogische Mitarbeitende, Schulpsychologie, Jugendhilfe oder externe Stellen sein.

Entscheidend ist deshalb, dass relevante Informationen gezielt weitergegeben werden können.

Das bedeutet nicht, dass alle alles wissen müssen. Gerade bei sensiblen Informationen braucht es klare Zugriffsrechte und einen bewussten Umgang damit, wer welche Informationen benötigt.

Gleichzeitig darf notwendiges Wissen nicht an einzelnen Personen hängen. Bei Vertretungen, Zuständigkeitswechseln oder Personalwechseln sollte nachvollziehbar bleiben, welche Absprachen getroffen wurden und welche Maßnahmen bereits erfolgt sind.

Auch die UNESCO betont bei der Gewaltprävention die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure innerhalb und außerhalb des Bildungssystems.

6. Dokumentation als Teil der Prävention verstehen

Dokumentation wird im Schulalltag häufig zunächst als zusätzliche administrative Aufgabe wahrgenommen.

Im Bereich der Gewaltprävention erfüllt sie jedoch eine wichtige Funktion.

Sie kann helfen, Entwicklungen sichtbar zu machen, die andernfalls möglicherweise unverbunden bleiben. Gleichzeitig schafft sie Nachvollziehbarkeit und unterstützt dabei, Gespräche, Entscheidungen und Maßnahmen vorzubereiten.

Digitale Systeme können dabei unterstützen, Informationen strukturiert zusammenzuführen und für bestimmte Fragestellungen aufzubereiten. So kann beispielsweise ein Überblick über bisherige Beobachtungen, Gespräche oder vereinbarte Maßnahmen entstehen, ohne dass Informationen aus unterschiedlichen Ablagen jedes Mal manuell zusammengesucht werden müssen.

Technik übernimmt dabei weder die pädagogische Einschätzung noch Entscheidungen im Kinderschutz oder bei konkreten Gewaltvorfällen. Sie kann aber helfen, vorhandenes Wissen schneller zugänglich und nutzbar zu machen.

Ein aktuelles Beispiel aus Niedersachsen

Wie Schulen Gewaltprävention konkret organisieren und welche rechtlichen Vorgaben gelten, unterscheidet sich zwischen den Bundesländern.

Ein aktuelles Beispiel ist Niedersachsen. Dort ist zum 1. August 2026 der gemeinsame Runderlass „Gewaltprävention und -intervention zur Sicherheit in Schulen in Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugendhilfe, Polizei und Staatsanwaltschaft“ in Kraft getreten. Zum vollständigen Erlass des Niedersächsischen Kultusministeriums.

Der Erlass legt unter anderem fest, dass Gewaltprävention und Gewaltintervention eine gemeinsame Aufgabe der an Schule Beteiligten sind, dass Schulen Gewaltpräventionskonzepte in ihre Schulprogrammentwicklung einbeziehen und dass Schulleitungen das Thema regelmäßig in Dienstbesprechungen und schulischen Gremien behandeln sollen.

Zudem wird die Zusammenarbeit von Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Polizei und Justiz deutlich hervorgehoben. Das Niedersächsische Kultusministerium beschreibt Gewaltprävention ausdrücklich als Aufgabe, die lange vor einem konkreten Vorfall beginnt und von klaren Strukturen und abgestimmtem Handeln lebt. Zur Presseinformation des Kultusministeriums vom 8. August 2026.

Gewaltprävention braucht Strukturen, die im Alltag funktionieren

Eine sichere Schule entsteht nicht durch ein einzelnes Präventionsprogramm oder ein Konzept allein.

Sie entsteht dort, wo Menschen hinschauen, Beobachtungen ernst nehmen und wissen, was anschließend zu tun ist.

Dazu braucht es eine gemeinsame Haltung, klare Zuständigkeiten, funktionierende Informationswege, zugängliche Schutz- und Präventionskonzepte, eine gute Dokumentation und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Personen und Stellen.

Denn besonders bei Gewaltprävention gilt: Wissen, das an unterschiedlichen Stellen entsteht, kann entscheidend sein. Es muss deshalb dort verfügbar sein, wo es gebraucht wird.

So können aus einzelnen Beobachtungen schneller Zusammenhänge sichtbar werden und aus vorhandenem Wissen gemeinsames Handeln entstehen.

Quellen und weiterführende Informationen

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